No-Dig-Methode: Gärtnern ohne Umgraben

Quelle: Manfred Richter auf pixabay.com
Quelle: Manfred Richter auf pixabay.com

 

Wer einen Garten anlegt, steht früher oder später vor der Frage: Umgraben oder nicht? Jahrzehntelang galt das Umgraben als unverzichtbare Maßnahme, um den Boden zu lockern, Unkraut zu beseitigen und Nährstoffe einzubringen. Doch immer mehr Hobby- und Profigärtner setzen auf eine nachhaltigere Methode – das No-Dig-Gardening. Statt den Boden tief zu bearbeiten, bleibt er unangetastet und wird lediglich mit Kompost und Mulch angereichert. Diese Technik schont das Bodenleben, reduziert Erosion und spart zudem Kraft und Zeit. Aber ist der Verzicht auf das Umgraben tatsächlich für jeden Garten geeignet? Und welche Vor- und Nachteile bringt die No-Dig-Methode mit sich? In diesem Beitrag werfen wir einen Blick auf die Wissenschaft hinter der Methode, praktische Tipps zur Umsetzung und Alternativen für eine bodenschonende Gartenpflege.

Warum kam das Umgraben in Verruf?
Das Umgraben bringt die natürliche Schichtung des Bodens durcheinander:

  • Der Oberboden enthält den Humus und das meiste organische Material sowie die für das Pflanzenwachstum notwendigen Mikroorganismen. Dort leben die meisten Bodentiere.
  • Im Unterboden sind vor allem Ton und wichtige Mineralien zu finden. Es gibt dort nur noch wenige Bodentiere.
  • Die unterste Schicht besteht hauptsächlich aus verwittertem Ausgangsgestein. Je nach Bedarf und Pflanze können Wurzeln bis hierher vordringen.
  • Das Bodenleben ist auf bestimmte Bodenschichten spezialisiert. Werden die Schichten vermischt, ist dessen Aktivität gestört, schlimmstenfalls ist es nicht mehr existenzfähig.

 

EU-Initiativen beflügeln die Forschung
Immer schon gab es auch Pflanzenbau, der ohne umzugraben auskam. Dass das ertragreich sein kann, war bereits in vorindustrieller Zeit bekannt. Wissenschaftliche Untersuchungen rund um den pfluglosen Ackerbau haben etwa in den 1930er Jahren begonnen. Aus Japan und den USA kommen viel beachtete Versuchsergebnisse. An Fahrt aufgenommen hat die Forschung um die Jahrtausendwende, als Nachhaltigkeit, Umwelt- und Klimaschutz stärker in unser Bewusstsein drangen. Ausgestattet mit Fördergeldern beschäftigen sich zahlreiche Hochschulen und Institute in ganz Europa mit der Erforschung nachhaltiger landwirtschaftlicher Praktiken. Sie suchen nach gemeinsamen und nach länderspezifischen Lösungen für die EU-Initiativen, wie die Bodenstrategie der EU-Kommission, die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) und das Ziel, chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel zu reduzieren.

No-Dig-Methode begeistert Hobbygärtner
Auch immer mehr Hobbygärtner verzichten darauf, ihre Beete umzugraben. Sehr populär ist die No-Dig-Methode des Briten Charles Dowding: Seine Idee ist, den Boden möglichst wenig zu stören und so die natürliche Bodenstruktur zu erhalten. Sein Vorgehen und seine Erfolge aus mehr als 40 Jahren Gemüseanbau teilt er gern mit uns, über Bücher, Fernsehauftritte und Social Media. Seine Hauptprinzipien sind:

  • keinerlei Bodenbearbeitung
  • jährliche Gaben von gereiftem Kompost auf die Bodenoberfläche
  • eine Mulchschicht als Verdunstungs- und Erosionsschutz sowie als Schutz vor Wildkrautwuchs
  • nur natürliche Schädlingsbekämpfung, weil ein Habitat im Gleichgewicht sich selbst reguliert

Für uns Hobbygemüsegärtner ist der Verzicht auf das Umgraben eine große Erleichterung. Charles Dowding erklärt uns seine Methode ausführlich, so dass wir sie leicht nachvollziehen können:

Wir beginnen zeitig im Februar, damit sich unser neues Beet setzen kann. Wenn wir ein Gemüsebeet anlegen wollen, suchen uns dafür ein sonniges Gartenstückchen. Gras oder niedrigen Bewuchs mähen wir ab; falls erforderlich ebnen wir die Fläche ein.

Direkt auf den Boden bringen wir eine dicke Kompostschicht von circa 20 Zentimeter auf, die den bisherigen Bewuchs komplett abdeckt und dadurch erstickt. Um sicher zu gehen, dass keine Lücken auftreten, empfiehlt Dowding, Kartonpappe auszulegen. Wichtig ist, dass diese Pappe keine Druckerschwärze, keine Reste von Klebebändern oder ähnliches enthält! Unsere Kompostschicht darf dann nur zehn bis 15 Zentimeter dick sein.

Und Kompost ist nicht gleich Kompost! Er muss „reif“ sein, also lange gelagert und gut zersetzt. Sind grobe Stücke enthalten, zerkleinern wir sie vor dem Ausbringen.
In diesen „guten“ Kompost können wir direkt unsere Jungpflanzen einsetzen, andernfalls pflanzen wir in eine dünne Oberschicht aus kompostreicher Pflanzerde.


Die Vorteile von No-Dig-Gardening
Jedes Jahr zur Pflanzzeit bringen wir eine neue circa zehn Zentimeter dicke Schicht aus Kompost auf. Daraus entsteht trotzdem kein Hügelbeet, denn wir ahmen nur den natürlichen Kreislauf von Werden und Vergehen nach: Wir ersetzen das Material der entnommenen Gemüsepflanzen durch den Kompost. Im Gegensatz zum Hochbeet müssen wir jedoch das Substrat nicht nach einigen Jahren erneuern, sondern können es einfach weiternutzen.

Die natürliche Bodenstruktur bleibt erhalten, und dadurch wird auch das Bodenleben nicht gestört.
Der Boden ist geschützt vor Verdunstung, erhält seine Wärme, Wildwuchs ist unterdrückt.
Vor allem aber bietet er Nahrung für das Bodenleben: Mikroorganismen, Würmer, Insekten, Milben, Pilze, Algen, Flechten, Einzeller usw. finden optimale Bedingungen:
Bodenlebewesen:

  • lockern den Boden
  • durchlüften den Boden
  • verbessern die Bodenstruktur
  • machen organisches Material pflanzenverfügbar
  • binden CO2 im Boden
  • vermehren sich in Anzahl und Arten

Die No-Dig-Methode gelingt sowohl auf festen Böden, als auch auf Sandböden.

Solange nur eine geringe Mächtigkeit fruchtbaren Bodens vorhanden ist, sollten wir allerdings auf Wurzelgemüse und andere Tiefwurzler verzichten. Starkzehrer, wie Kohl, Kürbis oder Tomate fühlen sich hingegen wohl. Wir können sowohl Gemüse als auch Kräuter und Blumen pflanzen.

Eine Beetumrandung brauchen wir eigentlich nicht, im Gegenteil: Darin können sich beispielsweise Schnecken gut verstecken. Aber für die Erreichbarkeit und die Bearbeitung unserer Beete ist eine zumindest temporäre Einfassung hilfreich. Außerdem ist es damit für uns einfacher, die Wege wildkrautfrei zu halten. Alternativ legen wir auch auf den Wegen Mulch aus, wie Holzhäcksel, Pappe oder Stroh.


Die Nachteile eines No-Dig-Beetes
Eben weil ein No-Dig-Beet eine langjährige Anlage ist, kann es einige Jahre dauern, bis der Boden eine dicke Humusschicht aufweist. Bis dahin sind regelmäßig größere Mengen an reifem und gutem Kompost nötig. Wenn wir ihn im Handel kaufen, sollten wir unbedingt darauf achten, dass es ein gütegesicherter Kompost ist. Nur dann holen wir uns nicht mehr Schaden als Nutzen in unser Beet, etwa durch unerwünschte Samen, hartnäckige Wurzelkräuter, Rückstände aller Art oder Unreife. Wer es sich zutraut, kann Kompost auch selbst aufsetzen. Es ist äußerst sinnvoll, sich genau mit den Methoden vertraut zu machen, weil auch beim Kompostieren Fehler passieren können, die dem Pflanzenwachstum unseres neuen No-Dig-Beetes nicht förderlich wären.

Eher kleiner ist das Übel, dass die Bodenpappe keine hartnäckigen Wildkräuter wie Quecke oder Giersch zurückhalten kann. Wir sollten hier also vor der Anlage des Beetes gründlich jäten.

Zudem macht unser lockeres und nährstoffreiches Beet möglicherweise Wühlmäusen und Schnecken Appetit.

Es kann außerdem sein, dass wir häufiger gießen müssen, weil unser Beet in heißer Sonne leichter austrocknet. Vor allem anfangs sollten wir es nach einer Fingerprobe regelmäßig befeuchten.

Mit Breitgabel oder Gartenkralle K
Mit Breitgabel oder Gartenkralle lässt sich der Boden gut lockern

 

Alternativen zum Umgraben
Auch wenn wir weder umgraben noch No-Dig-Gardening praktizieren wollen, können wir uns um die Optimierung der Bodenbeschaffenheit kümmern:

  • flachgründig hacken – etwa 10 Zentimeter tief – mit einer Hacke oder einem Grubber, ohne den Boden zu wenden.
  • den Boden mit Grabegabeln lockern, ohne ihn zu verdichten.
  • nicht flächig fräsen, sondern nur die Streifen, die wir bepflanzen wollen.
  • mit Handbelüftern oder Bodenspießen kleine Löcher stechen, die die Aufnahme von Luft und Wasser verbessern.
  • mit Mulchfolie mulchen, die Wärme und Feuchtigkeit hält und damit Bodenlebewesen aktiviert.
  • Mulchmaterial, wie Rasenschnitt, Laub oder Stroh nutzen. Es schützt vor Temperaturschwankungen und Erosion, entzieht aber Nährstoffe, die wir nachliefern müssen.
  • den Boden flächendeckend bepflanzen, so dass die Pflanzschicht die Bodenstruktur verbessert.
  • Gründüngungspflanzen, wie Klee, Senf oder Lupinen anbauen, die Stickstoff binden. Indem wir sie einarbeiten, führen wir dem Boden organisches Material zu.
  • fertigen (reifen) Kompost in den Boden eingrubbern.


Triftige Gründe für das Umgraben
Es gibt dennoch einige Situationen, in denen Umgraben durchaus sinnvoll ist:

  • Wenn ein Boden sehr hart und verdichtet ist – beispielsweise wenn nach dem Hausbau schwere Baumaschinen ein Gelände verlassen: Durch das Umgraben brechen wir ihn auf und verbessern seine Durchlässigkeit für Wasser, Luft und Nährstoffe.
  • Wenn ein Boden zu Staunässe neigt, weil die tieferen Bodenschichten undurchlässig sind.
  • Wenn hartnäckiges Wildkraut eine Fläche durchwuchert: Wir können das Kraut mitsamt Wurzel entfernen.
  • Wenn wir in einen armen Boden sehr viel organisches Material einarbeiten wollen.
  • Wenn wir einen Garten völlig umgestalten wollen.
  • Wenn wir die Bodenzusammensetzung ändern wollen: beispielsweise den pH-Wert für eine Moorbeetpflanzung anpassen.


Erfahrung und Forschung
Inzwischen gibt es mehrere Langzeitversuche zur Klimabilanz beim Ackerbau ohne Pflug. Daran zeigt sich, dass im Schnitt der Ertrag bei Ackerkulturen leicht niedriger ausfällt. Zudem ist er sehr abhängig vom Witterungsverlauf: Gutes Wetter im Frühjahr fördert die Bodenerwärmung und damit die Mineralisierung von Stickstoff, einem wichtigen Pflanzennährstoff. Deshalb ist der pfluglose Anbau ist vor allem in trockenen Anbaugebieten, bei einfacher Fruchtfolge und guten Bodenbedingungen von Erfolg gekrönt. Ein ungelöstes Problem für den Ackerbau sind allerdings immer noch unerwünschte Beikräuter, insbesondere Wurzelpflanzen.

Sowohl bei No-Dig-Beeten im Hobbygarten als auch bei Versuchsreihen im Ackerbau fällt auf, dass Humus hauptsächlich in der obersten Krume verbleibt. Nur mit einer Bodenbearbeitung könnten wir ihn in die tieferen Bodenschichten befördern.

Gut nachweisen lässt sich hingegen, dass ein Boden ohne Umgraben ein viel größeres Bodenleben aufweist: in höherer Anzahl und artenreicher.
Nachweisbar ist auch, dass sich die Bodenstruktur im Oberboden verbessert und Erosion verhindert. Erfreulich ist zudem, dass mehr Kohlenstoff gebunden und gespeichert wird.

Forschung, Erfahrungsaustausch und die Verfeinerung der Methoden für den professionellen Anbau dauern an. Doch für uns Hobbygärtner mit Gemüsen, Kräutern oder auch Zierpflanzen im Beet ist der Verzicht aufs Umgraben leicht: kein müder Rücken, keine Schwielen an den Händen! Dafür das gute Gefühl, etwas für unsere Erde zu tun – und ein voller Erntekorb!

 

Beiträge

Über Ute Roggendorf

Ute Roggendorf_1200Ute Roggendorf freut sich, ihre beiden großen Leidenschaften, das Gärtnern und das Schreiben, beruflich kombinieren zu können.
In einer Einzelhandelsgärtnerei kümmert sie sich um das Wohl von Pflanzen und Kundschaft. In der Freizeit zieht sie auf dem eigenen Feldstück Gemüse für die heimische Küche.
Ebenso fasziniert ist sie vom Spiel mit Worten. Deshalb hat die Gartenbauingenieurin mit Gärtnerlehre auch den Journalismus zu ihrem Beruf gemacht. Seitdem war sie in verschiedenerlei Verlagen der gärtnerischen Fachpresse beschäftigt. Als Redakteurin weiß sie zudem, wie man eine Zeitung macht.
Inzwischen recherchiert, textet und fotografiert sie freischaffend auch für andere Auftraggeber.
Außerdem ist sie Onlineredakteurin und betreut die Textversionen eines E-Commerce-Unternehmens. Dabei achtet sie darauf, dass alle Angebote gut im Internet zu finden sind. Und sie kann dort ganz viel Hintergrundwissen aus dem Handel in die Ratgeber und Blogs einfließen lassen.

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